Scorpions: Gitarren statt Panzer

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Scorpions: Gitarren statt Panzer

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Drei gepfiffene Töne – und jeder weiß Bescheid: ›Wind Of Change‹ ist ein Jahrhundertlied, bekannt überall auf der Welt, die erfolgreichste Single aller Zeiten aus deutscher Produktion, dazu die Hymne zu Perestroika, Glasnost und Deutschlands Wiedervereinigung. Vor 30 Jahren wurde der Song veröffentlicht – Zeit, bei Klaus Meine und Rudolf Schenker von den Scorpions nachzufragen: Was hat der Song bewirkt, wie ist er entstanden – und können Rockballaden die Welt retten?

Rudolf, als Klaus vor gut 30 Jahren mit ›Wind Of Change‹ um die Ecke kam, wie hat dir der Song beim ersten Hören gefallen?
Rudolf Schenker: Ich sagte: „Klaus, das ist ’ne super Nummer, aber sie braucht noch einen Chorus, der es mit der Strophe und dem gepfiffenen Intro aufnehmen kann“. Ich hatte ihm angeboten, das zu erledigen, aber Klaus meinte, ne, das übernehme er schon selbst. (lacht)


Wir müssen das Stück kurz zeitlich einordnen, um über seine Bedeutung zu sprechen. Klaus, geschrieben hast du es im September 1989.

Klaus Meine: Genau, wir hatten mit den Scorpions auf dem legendären „Moscow Music Peace“ Festival gespielt und verbrachten rund um das Konzert ein paar Tage in Moskau, wo der Wandel wirklich spürbar war. Die Welt veränderte sich vor unseren Augen. Erkennbar war das zum Beispiel an den jungen russischen Fans, die mir sagten: „Klaus, der Kalte Krieg wird bald vorbei sein“. Es herrschte eine politische Aufbruchsstimmung, der Schrei nach Freiheit war nicht zu überhören. Eigentlich nur logisch, dass mich das berührt hat. ›Wind Of Change‹ war das Resultat eines historischen Zeitgeschehens. Für einen Songwriter ist das die schönste Form von Kreativität: Ein Thema berührt einen so tief, dass daraus Musik und Texte entstehen, die einfach authentisch sind.

Veröffentlicht wurde das Stück dann im November 1990, da war die Mauer schon seit einem Jahr gefallen und Deutschland seit wenigen Wochen wiedervereinigt.
KM: Richtig, es ist erst danach zum Soundtrack dieser Ereignisse geworden. Daher beschreibt der Song eher die Veränderungen, als dass er sie selbst eingeläutet hätte.


RS: Wobei diese Nummer uns ja nicht einfach in den Schoß gefallen ist. Wir hatten damals mit den Scorpions schon eine längere Geschichte mit der Sowjetunion, das begann bereits 1986, als wir in Ungarn spielten und dort Kontakte knüpften, um 1988 in der UdSSR auftreten zu können. Geplant waren fünf Gigs in Leningrad, fünf in Moskau. Die Letzteren wurden uns dann aber gestrichen, weil die Staatsführung Angst vor Aufruhr hatte. Daher haben wir zehnmal in Leningrad gespielt.


KM: Schon auf dieser Reise hatten wir das Gefühl des Wandels erlebt: Wir haben uns mit der russischen Vorband Gorky Park angefreundet und zusammen gejammt. Auf einem der großen Plätze in der Stadt sind Rudolf und ich für ein Foto in eine Hammer-undSichel-Dekoration geklettert, der KGB war dabei, schritt aber nicht ein. Und nach dem letzten Gig baute sich der Chef der Halle vor mir auf und sagte: „Jetzt habt ihr zehnmal für uns gesungen, jetzt singe ich was für dich“. Dann sang er mit Tränen in den Augen ein russisches Volkslied.


RS: Das war unglaublich emotional, vor allem, wenn man bedenkt, was die Deutschen gerade mal gut 40 Jahre zuvor vor Leningrad angestellt hatten. Aber auch diese Geschichte hat uns geholfen. Wir sind mit großer Demut in die UdSSR gereist, verbunden mit dem Motto: „Unsere Vorfahren kamen mit Panzern, wir kommen mit Gitarren“.

Hatte die sowjetische Führung die revolutionäre Kraft des Rock’n’Roll unterschätzt?
KM: (überlegt) Vielleicht ein bisschen, ja. Musik besitzt diese Kraft, und wir hatten den Schlüssel. Auf der anderen Seite kam damals Gorbatschow an die Macht. Er ist die entscheidende Person, die die Geschichte umgelenkt hat. Seine Ziele waren Glasnost und Perestroika, also Offenheit und Umbau. Diesen Plan hat er klug umgesetzt. Und die Scorpions waren ein Teil dieser Umsetzung?

KM: Zumindest ergab sich für uns eine Gelegenheit, die wir genutzt haben.
RS: Man muss sich vor Augen halten, wie schnell das dann ging: 1988 waren wir erstmals in der UdSSR, als absolute Exoten. Ein Jahr später fand dann in der Hauptstadt das „Moscow Music Peace“ Festival statt, mit Bands wie Bon Jovi, Mötley Crüe, Ozzy Osbourne und uns. Eine rasante politische Entwicklung.

Ihr habt damals nach Mötley Crüe und Ozzy Osbourne gespielt …
RS: … weil man uns in der UdSSR schon kannte! ›Still Loving You‹ hatte sich zu einem Riesenhit entwickelt. Na ja, und wenn ich mir die Mitschnitte von dem Konzert noch einmal anschaue, dann
muss ich schon sagen: Wir haben alle anderen weggefegt in dieser Nacht. Kein Wunder, dass die Jungs von Bon Jovi, die nach uns drankamen, hinterher meinten: Nach den Scorpions spielen wir nie wieder! (lacht)

Was hat ›Wind Of Change‹ bewirkt?
KM: Dass die Hoffnung auf eine friedliche Welt keine unerreichbare Utopie ist. Grenzen fielen, Deutschland feierte die Wiedervereinigung. Heute weht, um im Bild zu bleiben, erneut ein anderer Wind.

Bräuchte es einen neuen ›Wind Of Change‹?
KM: Der Song griff damals den Wunsch der Menschen auf, Grenzen zu überwinden, aufeinander zuzugehen, offene Gesellschaften zu entwickeln. Das hat sich heute in vielen Ländern umgekehrt.
In Polen, Ungarn und in Putins Russland. Aber auch in Großbritannien mit dem Brexit und in den USA unter Trump. Das betrachte ich mit Sorge.

Hast du diese Sorge auch mit Blick auf Deutschland?
KM: Klar, auch hier formieren sich Gruppen und Parteien, die sich gegen das stellen, wofür wir gekämpft haben. Wenn wir jetzt 30 Jahre Deutsche Einheit feiern, dann stehen wir vor der Aufgabe, daran zu erinnern, dass es in diesem Land eine lange Zeit gab, in der Freiheit nicht selbstverständlich war. Wir sollten uns auch an die Menschen erinnern, die ihr Leben an der Mauer oder der innerdeutschen Grenze ließen. An Männer wie Peter Fechter, der, 18 Jahre alt, 1962 in der Bernauer Straße im Kugelhagel starb. Nur, weil er in den Westen wollte. Weil er die Freiheit wollte. Wenn man
dann sieht, wie die Menschen in Belarus heute um diese Freiheit kämpfen, dann muss einen das demütig machen. Denn schließlich haben wir 1989 und 1990 eine der friedlichsten Revolutionen der Geschichte geschenkt bekommen.


Wie aktuell ist das Stück ›Wind Of Change‹ heute noch?

KM: Der Song wird überall auf der Welt anders wahrgenommen. In Deutschland erinnert er an das, was vor 30 Jahren war. Spielen wir ihn in Beirut, nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, wo die Menschen jeden Tag um ihr Überleben kämpfen, hoffen sie umso mehr, dass der
Wahnsinn des Krieges bald vorbei sein wird.

›Wind Of Change‹ wurde damals zum Soundtrack der Wende. Warum fehlt den meisten politischen
Bewegungen dieser Zeit ein solcher?

RS: Die junge Generation wächst, was man ihr nicht vorwerfen kann, wohlbehütet auf. Es fehlen in vielen Fällen weder Freiheit noch materielle Dinge. Klar, dass man in einer solchen Situation nicht an Revolutionen denkt. Hinzu kommt, dass das Internet einen dermaßen mit Informationen zuballert, dass man komplett die Orientierung verliert. Dort, wo es früher zu Sache ging, waren die Rahmenbedingungen ganz anders: Zum Beispiel bei den FlowerPower-Hippies Ende der 60er-Jahre, die
sich gegen das Establishment auflehnten. Und Ende der 80er-Jahre in der Sowjetunion auch. Damals waren wir mit ›Wind Of Change‹ zur Stelle. Und wer weiß, vielleicht steht ja gerade eine Band in den Startlöchern und hat den Song für 2020 parat. Die zu finden, das ist aber eure Aufgabe. (lacht)

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